Gesangsunterricht in Berlin Zehlendorf - Andreas Wernicke

Singen lernen

Mein Verständnis von Singen und Gesangsunterricht ist geprägt von drei großen Bereichen:

  1. Dem Umgang mit Körper und Atem.
    Dabei hat sich im Laufe der Jahre durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Körperarbeitssystemen - Atemarbeit nach Ilse Middendorf, Alexandertechnik, Feldenkraisarbeit, Tai Chi, Qigong, Yoga u.a. - ein ganz eigenes Verständnis für die Materie entwickelt.

  2. Der Klangsuche <zu Punkt 2>
    Dabei bin ich sehr stark geprägt durch das Stimm- und Klangverständnis des Lichtenberger Institut für angewandte Stimmphysiologie

  3. Der Freude an lebendigem Musizieren <zu Punkt 3>

 

Zu Punkt 1

Damit wir singen können, muss unser Körper eine große Anzahl Muskeln in Bewegung setzen. Für den Singenden (und den Unterrichtenden) ergeben sich daraus mehrere Aufgabestellungen:

  1. Differenzierung der Muskeltätigkeit, das heißt, ich muss lernen, nur die Muskeln zu betätigen, die auch fürs Singen gebraucht werden und die anderen locker zu lassen.
    (Beispiel: Wenn ich mich beim Singen in Schultern und Nacken verkrampfe, wird diese unnötige Muskeltätigkeit den ganzen Singevorgang beeinträchtigen.)
    Diese Differenzierungsarbeit reicht hinein bis in die kleinen Muskeln von Mund und Rachen; was muss ich beispielsweise tun, um einen Vokal a oder i zu bilden und was sollte ich lassen.
    (Beispiel: Wenn ich einen Vokal i singe, muss ich den Mund- Rachenraum mit Hilfe von Muskeln so formen, dass aus dem Ton, den die Kehle erzeugt und der erst einmal ein neutraler Klang ohne Vokaleigenschaften ist, ein Vokal i wird. Dabei muss ich bestimmte Muskeln anspannen, andere locker lassen.)
    Ein weitere Aspekt der Differenzierung ist das Maß an Spannung, das ich für eine Tätigkeit brauche.
    (Beispiel: Wenn ich bei der Bildung eines Vokales i die ganze Zunge stark anspanne, wird sich diese Spannung auf die Umgebungsmuskulatur [Kehl-, Nacken-, Rachenmuskeln] übertragen und die Stimme wird gepresst und mühsam klingen).
    Das heißt, ich muss nicht nur wahrnehmen lernen, welche Muskeln ich brauche, sondern auch mit welchem Maß an Spannung (zum Bilden des i brauche ich Spannung in der Zunge).
    Die Förderung dieser Differenzierungsmöglichkeiten ist ein wichtiger Bestandteil meines Unterrichts und der Arbeit an der eigenen Stimme.

  2. Körpertonus, das ist die potentielle Spannung der Muskulatur.
    (Beispiel: Ist mein Muskeltonuns sehr niedrig, habe ich das Gefühl, jede Bewegung ist mühsam und anstrengend. Ist mein Tonus sehr hoch, stehe ich körperlich "unter Strom" und Bewegungen schießen leicht übers Ziel hinaus.)
    Was wir brauchen, ist ein mittlerer Tonus, ein Zustand, in dem wir kraftvoll zupacken aber auch leicht wieder loslassen können. Dem Erreichen diesen mittleren Tonus widmen sich viele Körperarbeitssysteme. Es gibt sogar ein System, welches dieses Ziel zum Namen erklärt hat, nämlich die von Gerda Alexander entwickelte Eutonie (Eutonus = mittlerer Tonus).
    In meinem Gesangunterricht versuche ich mit Hilfe von Körperübungen und Schulung der bewussten Körperwahrnehmung, meine Schüler dahin zu führen, dass sie sich beim Singen diesem mittleren Tonus weitestmöglich nähern (wenn wir in dieser Weise tonisiert sind, lösen sich viele Probleme beim Singen von alleine).

  3. Die Atmung ist ein in den meisten Gesangunterrichten intensiv behandeltes Thema. Der Umgang damit ist sehr unterschiedlich. Ein beliebtes Schlagwort ist Atemstütze, ein Begriff, hinter dem sich in der Praxis oftmals den ganzen Rumpf verkrampfende Anspannungstechniken verbergen. Hierbei wird versucht, willkürlich einen Spannungszustand herzustellen, der sich bei einem optimal tonisierten, kraftvoll-lebendig Singenden von alleine einstellt. Dabei wird leicht übersehen, das die dafür nötige Lebendigkeit im Körper des Schülers vielleicht gar nicht vorhanden ist, was zu den oben genannten Verkrampfungen im ganzen Rumpf, besonders im Zwerchfellbereich führt. Dass derartige Praktiken der Klangbildung und dem Musizieren nicht besonders förderlich sind, müsste nachvollziehbar sein.
    Ich gehe in meinem Unterricht andere Wege. Mein Weg ist der, dass ich versuche, durch Atemübungen, mit und ohne Stimme, die Atembewegung anzuregen; den Körper in den entsprechenden Regionen lebendiger zu machen. Bei einem lebendigen Körper entsteht dann die "Stützbewegung", das heißt, ein Offenbleiben der Atemräume, eine Einatmungstendenz in der Ausatmung des Singens, von alleine.

  4. Die Körperhaltung steht in engem Zusammenhang mit dem Muskeltonuns
    (Beispiel: Ein stark untertonisierter Körper wird keine kraftvolle, lockere Aufrichtung zustande bringen.)
    Auch zwischen Aufrichtung und Atmung gibt es Verbindungen, denn Atmungs- und Haltungsmuskulatur sind eng miteinander verwoben.
    (Beispiel: Eine verkrampfte Haltungsmuskulatur wird auch die Atembewegung spürbar behindern. Umgekehrt kann eine gut angeregte Atmung auch die Leichtigkeit der Aufrichtung fördern.
    Mein Umgang mit dem Thema Körperhaltung beim Singen ist der, dass ich versuche, durch lockernde und anregende Übungen den Tonus, besonders der Rückenmuskulatur, zu verbessern und dadurch die Aufrichtung müheloser zu machen.

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Zu Punkt 2

Was ist eigentlich (Stimm)klang? Unter "Was ist Klang" finden Sie einige praktische Hinweise und Hörbeispiele im MP3-Format.
Eine zentrale Rolle in der Bewertung eines Stimmklangs spielt die Brillanz einer Stimme (nicht zu verwechseln mit Schrillheit, die wir oft bei hohen Sopranen finden). Nicht von ungefähr sind Tenöre wie Pavarotti oder der noch junge Juan Diego Flórez so beliebt. Die Brillanz, die den Klang dieser Stimmen prägt, berührt die Menschen.
Ob nun der Klang einer Stimme dumpf oder brillant ist, hat in der Regel keine organischen Ursachen, sondern ist eine Frage von

  1. Muskeltätigkeit: Unser Stimmorgan ist von Natur aus so angelegt, dass wir, wenn alle Muskeln optimal zusammenarbeiten, automatisch einen brillanten Stimmklang entwickeln. Wenn das so ist, stellt sich die Frage, in welcher Weise wir diese Muskelzusammenarbeit stören und wie wir diese Störung wieder beseitigen können.
    Der erste zentrale Ort für die Entstehung von Brillanz ist die Kehle. Die Kehlmuskeln müssen einen Ton (einen so genannten Primärton) erzeugen, der alle notwendigen Frequenzen in ausreichendem Maße enthält. Dieser Primäton ist, wenn man ihn isoliert hörbar macht (zum Beispiel mit einem kleinen Mikrofon direkt über der Kehle), ein eher schnarrender unattraktiver Klang.
    Damit dieser Primärton zu dem wird, was wir als Singstimme kennen, muss er noch im so genannten "Ansatzrohr", das ist der Mund- und Rachenraum verstärkt werden. Der Mund- Rachenraum hat dabei in etwa die Funktion eines Schalltrichters. Damit nun bestimmte Frequenzen besonders verstärkt werden, z.B. die Brillanzfrequenzen (3000, 5000 und 8000 Hz), ist die räumliche Ausformung dieses Ansatzrohres von entscheidender Bedeutung.
    Hier gibt es nun verschiedenste Störungsmöglichkeiten. Der Mund- Rachenraum verstärkt die Frequenzen des Primärtons auf optimale Weise, wenn sich die Muskeln (Zunge, Rachenmuskeln, weicher Gaumen, Kiefermuskeln) in einem mittleren Tonus, dem Eutonus (siehe oben) befinden. Ist der Tonus dieser Muskulatur durch Verspannungen gestört, wirkt sich das unmittelbar auf den Klang aus.
    Aber auch schon bei Erzeugung des Kehltons (Primärtons) gibt es viele Störungsmöglichkeiten. Sind z.B. die Hals- Nackenmuskeln verkrampft, kann sich die Kehle nicht frei bewegen und erzeugt einen Ton von minderer Qualität. Ein weiterer Störungsfaktor ist der Atemdruck. Hier gibt es ein optimales Verhältnis von Kehlaktivität und Atemdruck. Leider ist dieses Verhältnis meistens in Richtung eines zu hohen Atemdrucks verschoben, was bedeutet, dass die Kehle nicht mehr optimal schwingen kann. Dieses führt wiederum zu verminderter Klanqualität.
    Für den Gesangsunterricht folgt aus dem oben gesagten die Aufgabestellung, dem Singenden ein lebendiges Gespür für diese Räume und Muskeltätigkeiten zu vermitteln, damit es ihm gelingen kann, seine Stimme aus dem Korsett festgehaltener Muskeln zu befreien und zum Klingen zu bringen.

  2. Klangvorstellung: Der französische Hals-Nasen-Ohrenarzt Tomatis hat die Entdeckung gemacht, das nur die Frequenzen in der Stimme auftauchen, die der entsprechende Mensch bewusst hören kann. Er hat daraus ein sehr effektives Therapiesystem für Stimmkranke entwickelt. Er regte mit Hilfe von Klangbeschallung die Hörfähigkeit seiner Patienten für bestimmte Frequenzen an, die in deren Stimmen fehlten. Als Folge daraus tauchten diese Frequenzen in diesen Stimmen auch wieder auf.
    Für den Gesangsunterricht folgt daraus die Möglichkeit, den Klang zu verbessern, indem der Singende eine andere (erweiterte) Klangvorstellung und Klangwahrnehmung erübt.

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Zu Punkt 3

Musizieren sollte vor Allem Spaß machen und die eigene Seele bereichern.
Der Spaß am Musizieren steigt in dem Maße, in dem man bei den Punkten Körper und Klangsuche eine gewisse Mühelosigkeit gefunden hat. Wenn ich noch mit Verkrampfungen der Muskulatur und einem dumpf klingenden Stimmorgan kämpfe, wird das Musizieren auch nur begrenzt Freude bereiten.
Wenn diese Mühelosigkeit aber schon in einem gewissen Maße gefunden ist, stellt sich die Frage, wie gehe ich an die Interpretation von Musik heran. Für mich gibt es in dieser Hinsicht zwei Kernpunkte:

  1. Rhythmik: Mit Rhythmik meine ich nicht in erster Linie, dass der Notentext rhythmisch richtig, also mit korrekten Tonlängen gesungen wird - das ist sowieso eine Grundvoraussetzung für Musikinterpretation und muss vorweg erarbeitet werden.
    Ich meine vielmehr das Erfassen von rhythmischen Phrasen und Spannungsbögen in der Musik. Damit diese dann in fließender (und den Zuhörer bewegender) Weise gesungen werden können, ist es notwendig, dass ich in der Lage bin, meine Stimme ohne überflüssigen Atemdruck und ohne grobe Fehlspannungen im Kehl-Rachenbereich fließen zu lassen. Erst dann werde ich diese Spannungsbögen auch im eigenen Körper erspüren können, und erst dann werden sie auch den Zuhörer erreichen.

  2. Inhalt: In der Vorgehensweise, den Inhalt eines Gesangsstückes zu vermitteln, gibt es meines Erachtens zwei sich polar gegenüberstehende Methoden. Die eine ist die, das Vorhandensein einer bestimmten Emotion in einer Gesangsphrase zu erkennen und zu versuchen, diese Emotion mit gesangstechnischen Mitteln herzustellen (z.B. Dunkelfärben der Stimme, Steigern des Vibratos und ähnlichem). Kennen Sie nicht den Sänger oder die Sängerin, die mit bebender, gramesdüsterer Stimme von Leid oder Unheil klagen? Mir geht es immer so, dass mich diese, wie ich finde sehr äußerliche Rangehensweise an die Musik emotional kaum berührt.
    Der Gegenpol zu dieser Art des Musizierens nutzt ganz andere Mittel. Hier geht es darum, Emotionen nicht technisch zu erzeugen, sondern entstehen zu lassen. Das gesangliche Mittel dazu ist das Erzählen. Indem ich den Inhalt eines Gesangsstückes mit natürlich klingender, eher schlichter Stimmgebung erzähle, werden die Gefühlsinhalte des Stückes in meiner Seele lebendig und verändern dann automatisch den Klang der Stimme. Voraussetzung dafür ist, dass ich den Inhalt wirklich erzähle und nicht nur leeren Text heruntersinge.
    Wenn diese Vorgehensweise gelingt, ist meiner Meinung nach das Ergebnis bei weitem anrührender, und die Gefühlsinhalte der Musik erreichen den Zuhörer weit stärker.

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